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"Der eigentliche Mittelpunkt der Mosellandschaft"

Auszug aus dem Reiseführer: Trinius, August: Die Mosel. Neue Auflage besorgt von Arthur Richter-Heimbach. Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig 1922, S. 59-65

Reil ist wieder so ein rechter Weinort. Die Lage der dörflichen Gemarkung ist so prächtig der Sonne ausgesetzt, daß ein sehr beträchtlicher Teil der Flur dem Weinbau dienstbar gemacht werden konnte, wodurch Reil, nächst Winningen und Zeltingen, in die Reihe der Orte einrückte, welche die größte Weinbaufläche im ganzen Moseltale besitzen. An zwei Dutzend guter Lagen sein eigen nennen, zählte es auch zu den ersten Orten ohne "berühmte Kreszenzen", die ihre Ehre darein setzten, ihre eigenen Gewächse nicht mehr als Zeltinger, Piesporter usw. in die Welt zu schicken, sondern - und das von Rechts wegen - stolz unter eigener Flagge zu segeln. So haben die besten "Treppche" Reils seit einer Reihe von Jahren schon ihre besten Verehrer, im deutschen Vaterlande nicht nur, nein, selbst über dem "großen Teiche". Reiler "Falklay" und "Goldlay", Reiler "Gräfinstück" und "Sorentberg" und neuerdings sein "Mulayer Hofberg" haben sich guten Ruf erworben, und beim Klange ihrer Namen lacht manch echtem, rechtem Moselweinzecher das feuchtfröhliche Herze im Leibe. Ist der Weinbau nun zwar auch hier, wie fast überall an der mittleren Mosel zwischen Piesport und Kochem, der Hauptträger des gesamten Wirtschaftslebens, so sind doch auch Ackerbau und Viehzucht nicht unbedeutend, wiewohl letztere mehr um der Deckung des eigenen Bedarfes willen, denn aus geschäftlichen Gründen betrieben werden. Reils offensichtlicher Wohlstand ist nicht eben alt. Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sein wirtschaftlicher Aufschwung begonnen. Das war in der Jahren, da der Pastor Willibrord Dany der Seelsorger der Gemeinde war. Der hielt streng auf Ordnung und Zucht, bei den Jungen wie bei den Alten, und, selber einer einfachen Landwirtsfamilie entstammend, griff er auch die landwirtschaftliche Arbeit herzhaft an, seinen Bauern ein trefflich Vorbild und einen steten Ansporn zu immer höheren und besseren Leistungen gebend. Manchen wichtigen Fortschritt und manche segensreiche Neuerung haben die Reiler diesem seltenen Manne zu danken, der als ein echter Kulturpionier in seiner Gemeinde wirkte, weit über den engen Rahmen seines geistlichen Amtes hinaus. Seinen Oberen aber war die "allzu weltliche" Art des wackeren Mannes ein Dorn im Auge; und man ruhte nicht eher, bis man seinen Abschied von Reil und aus dem Dienste überhaupt erzwungen. Im Mönchhofe bei Traben hat Dany dann einsam seine Tage beschlossen. Die Reiler aber haben ihren Wohltäter noch nicht vergessen, bewahren vielmehr ein treues und dankbares Erinnern.

Wie zuletzt Kaimt, Briedel und Pünderich, so besitzt auch Reil manch alten, schönen Bau, darunter, natürlich auch, wie fast überall im Moseltale, hübsche Fachwerkhäuser nicht fehlen. Sehenswert ist besonders die Kirche, die sich ziemlich am oberen Ende des Ortes erhebt. Unter den dörflichen Siedelungen an der Mosel hat wohl keine zweite neben Reil eine in der ganzen Länge des Ortes so unmittelbar am Strom hinführende Uferstraße. So ist das ländliche Leben des Moselaners, soweit es sich am Wasser abspielt, denn auch hier ausnehmend prächtig zu beobachten. In den frühen Abendstunden schöner Sommertage entfaltet sich hier ein gar geschäftiges Treiben, dessen bunte Vielgestaltigkeit ungemein malerisch wirkt und, durch das Leben auf dem Strome selbst noch erhöht, auf Auge und Gemüt des Landfremden einen ganz eigenartigen Reiz auszuüben vermag. Dazu eilt der Verkehr mit der Außenwelt auf Eisenschienen an einem vorüber. Da droben, hinterm Bahnhofe von Pünderich, braust ein Zug der Moselbahn mit hellem Pfiff und langer, weißer Rauchfahne in den mächtigen Tunnel des Prinzenkopfes; fast zur selben Zeit fährt ein Zug nach Traben-Trarbach den Rebenhang vom Bahnhof Pünderich nach Reil herab; und wenig später kommt das Zügle der "Saufbahn", wie der Volkswitz die Moseltalbahn benannt hat, vom Dorfe Pünderich dahergefahren, ebenfalls Traben-Trarbach, weiterhin aber Trier entgegenstrebend. Und all derlebhafte Verkehr ist nicht imstande, das Bild tiefen Friedens zu beeinträchtigen, welches das Leben Reils in solchen schönen Sommerabendstunden bietet; im Gegenteil: dieses flüchtige Auftauchen, Vorübergleiten und wieder entschwinden des neuzeitlichen Völkeraustausches verleiht dem ansprechenden Bilde einen noch nur reicheren Stimmungsgehalt. Weit, weit, so fühlt man, liegt der laute Lärm der Welt; hier haben Hast und Unrast unserer Tage noch keine Stätte zu finden gewußt.

Reil ist der eigentliche Mittelpunkt der Mosellandschaft zwischen Trier und Koblenz. Es liegt genau in der Mitte der an Schleifen und Windungen so überreichen Stromstrecke zwischen den genannten Städten, darum ja auch die Moseldampfer auf ihrer zweitägigen "Bergfahrt" hier über Nacht zu bleiben pflegen. Dann, wie schon angedeutet; Auf dem rechten Ufer fährt die Moseltalbahn an Reil vorüber; auf dem linken zieht der Eisenweg der Nebenbahn Pünderich - Traben-Trarbach mitten durch das Dorf; und der letztere verbindet wiederum, durch den nahen Bahnhof Pünderich, den Ort mit der Hauptbahn Trier - Koblenz, die hier auch nahezu auch die Hälfte ihres Weges landeinwärts zurückgelegt hat. So ist Reil, von den großen Verkehrsknotenpunkten Koblenz und Trier abgesehen, in gewissem Sinne auch der Verkehrsmittelpunkt des deutschen Moseltales. Reil gegenüber, am rechten Ufer des Stromes, liegt Reilkirch. Doch weder eine Siedelung, noch auch nur ein Kirchlein ist da zu erschauen; allein der von einer altersgrauen Mauer umfriedete, vom Baumgrün überwölbte stille Totenacker von Reil ruht hier am Fuße des Rebenhanges, darüber Fichten- und Eichenschälwald sich dahinzieht. Spärliche Nachrichten nur, zumeist mündliche Überlieferung, besagen, daß hier vormals eine Kirche, zu der vermutlich viel gewallfahrtet ward, sich erhoben; daneben sollen die Küsterwohnung und ein Wirtshaus gestanden haben. Sicher erscheint, daß Reilkirch älter war als Reil, und daß jene alte Kirche der Reiler erstes Gotteshaus gewesen, woraus sich auch die seltsame, im ganzen Moseltale einzig dastehende Tatsache erklären dürfte, daß der Friedhof Reils sich am jenseitigen Ufer des Stromes befindet. Von den einstigen Gebäuden Reilkirchs, über deren Verbleib, vielleicht infolge der Vernichtung der älteren Ortschronik Reils durch Feuersbrunst, nichts Zuverlässiges zu ermitteln, ist heute keine Spur mehr zu finden; nur eben der Friedhof ist übriggeblieben. In recht sonderlicher, wiewohl durch die gegebenen Verhältnisse begründeter Weise führt Reil seine Toten zu ihrer letzten Ruhestätte: Im leichten Nachen gleitet der Sarg, nur von seinen Trägern geleitet, über des Stromes grüne Flut, und als Charon dient der Ferge. Die Trauergemeinde setzt auf der größeren Wagenfähre über. Tritt Hochwasser ein, so kann es geschehen, daß die Leiche, wie bei tiefem Schnee im Hochgebirge, tagelang im Dorfe verbleibt, bis wieder ruhigerer Stromgang die Überfahrt gestattet. In strengen Wintern, die Mosel fest zugefroren war, hat auch schon manch stumm gewordener Erdenpilger seine letzte Fahrt im Fuderschlitten über die blanke Eisdecke unternehmen müssen. Solchermaßen hat in Reil die "Moselromantik" ihre ganz eigene Weise.

 

Zum Anfang dieser Seite Zuletzt aktualisiert am 23.Februar 2007   © Friedhelm Greis